Max Weber, Verschwörungstheorien und die Lügenpresse

Das Wort Lügenpresse ist in den letzten Jahren durch dessen Verwendung im Umkreis von PEGIDA und der AfD, die sich offenbar zunehmend näherstehen, erneut in die Öffentlichkeit gedrungen. Es hat bereits eine längere Geschichte hinter sich. Von der anti-katholischen Apologetik protestantischer Autoren bis zum propagandistischen Gebrauch während des Ersten Weltkriegs. Nach dem Ersten Weltkrieg, der den Begriff auf breiter Ebene bekannt machte, wurde der Begriff sowohl von linksradikalen (KPD) wie auch von rechtsradikalen (NSDAP) Agitatoren aufgegriffen. Belegt hat man damit natürlich sowohl die gegenseitige als auch die bürgerliche Presse. In der Regel wurde mit dem militärischen, politischen und besonders auch ethischen Versagen des NS-Regimes auch all dessen Begriffe und Symbole verdrängt, stigmatisiert oder gar illegalisiert. Der Begriff der Lügenpresse wurde jedoch im rechtsradikalen wie linksradikalen Bereich weiterverwendet. In der DDR war er Teil der Regimepropaganda, aber zunehmend auch der Kritik an den medialen Darstellungen des Regimes innerhalb der DDR selbst. Seit den 2000er Jahren erlebte der Begriff eine regelrechte Renaissance im rechtsradikalen sowie im rechtspopulistischen Bereich.

Betrachtet man den Begriff inhaltlich, so zeigt sich schnell eine Nähe zum verschwörungstheoretischem Denken. Berichte in den Medien werden fundamental angezweifelt. Dagegen die eigene Überzeugung und deren Quellen jedoch nicht. Hinter der vermeintlichen Manipulation der Medien stünden feindliche, bösartige Mächte. Eine inhaltliche Beschäftigung mit unangenehmen Sachen wird umgangen, indem man sie als Propaganda oder Lüge des Feindes abwertet. So steht der völlige Zweifel neben absolutem Wahrheitsglauben sowie Immunisierung gegen Kritik. Verschwörungstheorien finden dort anklang, wo sich Menschen von ihrer Gesellschaft entfremdet fühlen. Die Ursachen dafür können verschieden sein, meist ist es aber ein Gefühl der Deprivation.

Bereits vor etwa 100 Jahren wies der bekannte deutsche Soziologe Max Weber in seiner bekannten Rede Politik als Beruf auf das Phänomen der Verachtung von Journalisten und ihrer Arbeit in modernen Gesellschaften hin:

Der Journalist teilt mit allen Demagogen und übrigens – wenigstens auf dem Kontinent und im Gegensatz zu den englischen und übrigens auch zu den früheren preußischen Zuständen – auch mit dem Advokaten (und dem Künstler) das Schicksal: der festen sozialen Klassifikation zu entbehren. Er gehört zu einer Art von Pariakaste, die in der »Gesellschaft« stets nach ihren ethisch tiefst-stehenden Repräsentanten sozial eingeschätzt wird. Die seltsamsten Vorstellungen über die Journalisten und ihre Arbeit sind daher landläufig. Daß eine wirklich gute journalistische Leistung mindestens so viel »Geist« beansprucht wie irgendeine Gelehrtenleistung – vor allem infolge der Notwendigkeit, sofort, auf Kommando, hervorgebracht zu werden und: sofort wirken zu sollen, bei freilich ganz anderen Bedingungen der Schöpfung-, ist nicht jedermann gegenwärtig. Daß die Verantwortung eine weit größere ist, und daß auch das Verantwortungsgefühl jedes ehrenhaften Journalisten im Durchschnitt nicht im mindesten tiefer steht als das des Gelehrten – sondern höher, wie der Krieg gelehrt hat –, wird fast nie gewürdigt, weil naturgemäß gerade die verantwortungslosen journalistischen Leistungen, ihrer oft furchtbaren Wirkung wegen, im Gedächtnis haften. Daß vollends die Diskretion der irgendwie tüchtigen Journalisten durchschnittlich höher steht als die anderer Leute, glaubt niemand. Und doch ist es so. Die ganz unvergleichlich viel schwereren Versuchungen, die dieser Beruf mit sich bringt, und die sonstigen Bedingungen journalistischen Wirkens in der Gegenwart erzeugen jene Folgen, welche das Publikum gewöhnt haben, die Presse mit einer Mischung von Verachtung und – jämmerlicher Feigheit zu betrachten. Über das, was da zu tun ist, kann heute nicht gesprochen werden.

Es sei angemerkt, dass Weber den Begriff Demagoge hier schlicht als einen politisch aktiven Menschen verstand, der seine Mitbürger von sich und seiner politischen Vision per Rede oder ähnlichem überzeugt.

Weber sieht den Berufsstand des Journalisten einer gesellschaftlichen Diskriminierung ausgesetzt, da er ständig in seiner Gesamtheit an seinen schlechtesten Gliedern gemessen wird. Die hohen Anforderungen an das Können und die Integrität dagegen werden, ebenso wie besonders positive Beispiele, kaum wahrgenommen. Ein fairer Vergleich mit sowohl dem eigenen Können und als auch der eigenen Integrität wird nicht getätigt. So sieht Weber in der Verachtung des Standes der Journalisten eine ungerechtfertigte Komposition aus Feigheit und Verachtung. Leider gibt er jedoch keine Lösung an die Hand.

Interessant ist wie Weber bereits am Anfang der Weimarer Republik den zunehmenden Hass auf die gemäßigte und bürgerliche Presse erkannte. Besonders gewinnbringend scheint auch die Interpretation als eine auf Unwissenheit und Unfairness basierende Diskriminierung eines gesamten Berufsstandes.

Letzteres lässt sich mit der weiteren oben beschriebenen Nähe zur Verschwörungstheorie in Verbindung bringen. Journalisten bringen den von der Gesellschaft zunehmend entfremdeten Individuum sowohl schlechte wie auch unangenehme Meldungen (oder auch dem Unterlassen von Meldungen von Dingen die als Bedrohung oder Problem gewähnt werden). Das entfremdete Individuum vermag oder will sich nicht mehr konstruktiv oder kritisch mit diesen Meldungen auseinandersetzen und findet in der kategorischen Kritik ihrer Urheber einen psychologisch einfachen Ausweg: Die Meldung wird nicht ignoriert, sondern in das eigene Weltsystem als Teil eines Systems von Lügen eingeordnet. Nun bedarf es für diese Einordnung eine Legitimierung, sowohl vor sich selbst als auch vor anderen. Eine genaue Argumentation würde jedoch Beschäftigung mit den unangenehmen Meldungen bedeuten. Genau diese galt es jedoch zu umgehen. Die kategorische Beschuldigung von Journalisten (oder zumindest einem größeren Teil von ihnen) erlaubt schließlich eine Legitimation der Einordnung der Meldung als Lüge, ohne sich mit deren Inhalt zu beschäftigen zu müssen. Der Journalist kann dabei als vermeintlich sichtbarer Teil oder zumindest als Gehilfe jener Kräfte der Gesellschaft verstanden werden, welche die Gesellschaft dem entfremdeten Individuum fremd machten, erkannt werden.

Einfacher gesagt: Berichten Journalisten in einer Art und Weise die einigen Menschen, die ohnehin bereits mit der Gesellschaft unzufrieden sind, so ist es für diese Menschen am einfachsten die berichtenden Journalisten als Lügner abzustempeln. Wie fair dieses Urteil ist spielt dabei dann keine Rolle mehr.

P.S.: Was ich mit diesem Artikel natürlich nicht tun möchte ist schlechte journalistische Arbeit, die es leider auch zur Genüge gibt, schönzureden oder zu verharmlosen. Zudem sei darauf hingewiesen, dass die Verwendung des Begriffs Lügenpresse in der staatlichen Propaganda eine andere Dynamik hat, als wenn dies durch Bürger getan wird.