Ein kurzer Reader zu Hannah Arendt

Bei der Vorbereitung der Veranstaltung Politische Ideengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (Teil 2) für die Volkshochschule Unterland ist mir aufgefallen, dass im Internet scheinbar kein Reader zum Werk der politischen Theoretikerin Hannah Arendt (einführende Artikel auf einem fachlich hohem Niveau finden sich in der Internet Encyclopedia of Philosophie sowie der Stanford Encyclopedia of Philosophy) verfügbar ist.

Diese Lücke möchte ich hier schließen. Der Reader ist in meiner Version etwa zwei A4-Seiten lang. Er kann also nur einen kurzen und fragmentarischen Einblick in das große und komplexe Werk Arendts bieten. Zudem sei darauf hingewiesen, dass dieser Reader allein für Bildungszwecken gedacht ist und das Urheberrecht zu beachten ist.

Die Zitate sind aus folgenden Ausgaben, welche nicht die aktuellsten sind, entnommen:

  • Es gibt nur ein Menschenrecht, in: Die Wandlung (4), 1949, S. 754-770. (Hier online)
  • Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft, Piper: München 1986.
  • Vita activa oder Vom tätigen Leben, Piper: München 1981
  • Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten, in: Menschen in finsteren Zeiten, Piper: München 1989, S. 17-48.
  • Macht und Gewalt, Piper: München 1981.

Ich habe mir zudem erlaubt die Rechtschreibung der Zitate zu modernisieren, was in den entsprechenden Ausgaben natürlich noch nicht der Fall war. Diese Modernisierungen habe ich, im Gegensatz zu Auslassungen, Ergänzungen oder den Seitenangaben nicht markiert. Ergänzungen und Kommentare habe ich mit eckigen Klammern ergänzt, wogegen ich Auslassungen mit Auslassungspunkten dargestellt habe.


Es gibt nur ein einziges Menschenrecht (1949)

Als Gleiche sind wir nicht geboren, Gleiche werden wir als Mitglieder einer Gruppe erst kraft unserer Entscheidung uns gegenseitig gleiche Rechte zu garantieren. [S. 763] … eines könnte uns dieser Schmelztiegel von Rechten [die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte] höchst heterogener Art und Herkunft nur zu leicht übersehen und vernachlässigen lassen, nämlich dieses eine Recht, ohne das keines von all den anderen Rechten realisierbar ist, das Recht, einem politischen Gemeinwesen zuzugehören. [S. 768f] … ein Recht, Rechte zu haben (und das heißt: in einem Beziehungssystem zu leben, wo man nach seinen Handlungen und Meinungen beurteilt wird), oder ein Recht, einer politisch organisierten Gemeinschaft zuzugehören [S. 759]


Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951/66)

Nur Verbrecher kann man bestrafen, Unerwünschte und Lebensuntaugliche lässt man von der Erdoberfläche verschwinden, als hätte es sie nie gegeben; mit ihnen will man noch nicht einmal ein Exempel statuieren. [S. 669] … Erst wenn ein Mensch aus der Welt der Lebenden so ausgelöscht ist, als ob er nie gelebt hätte, ist er wirklich ermordet. [S. 671] … Die Lager dienen nicht nur der Ausrottung von Menschen und der Erniedrigung von Individuen, sondern auch dem ungeheuerlichen Experiment, unter wissenschaftlich exakten Bedingungen Spontanität als menschliche Verhaltensweise abzuschaffen und Menschen in ein Ding zu verwandeln, das unter gleichen Bedingungen sich immer gleich verhalten wird, als etwas, was selbst Tiere nicht sind. [S. 676f] … An die Stelle des positiv gesetzte Rechts tritt nicht der allmächtig Willkürliche Wille des Machthabers, sondern das „Gesetz der Geschichte“ oder das „Recht der Natur“. [S. 706] … Das Wesen totalitärer Herrschaft … ist der Terror … nicht willkürlich und nicht nach Regeln des Machthungers eines einzelnen (wie in der Tyrannis), sondern in Übereinstimmung mit außermenschlichen Prozessen und ihren natürlichen oder geschichtlichen Gesetzen vollzogen wird [S. 711] …

Wäre totalitäre Herrschaft nichts anderes als eine moderne Form der Tyrannis, so würde sie sich ihr gleich damit begnügen, die politische Sphäre der Menschen zu zerstören, also Handeln zu verwehren und Ohnmacht zu erzeugen. Totalitäre Herrschaft wird wahrhaft total in dem Augenblick – und sie pflegt sich dieser Leistung auch immer gebührend zu rühmen –, wenn sie das privatgesellschaftliche Leben der ihr Unterworfenen in das eiserne Band des Terrors spannt. Dadurch zerstört sie einerseits alle nach Fortfall der politisch-öffentlichen Sphäre noch verbleibenden Beziehungen zwischen Menschen und erzwingt andererseits, dass die also völlig Isolierten und Verlassenen zu politischen Aktionen (wiewohl natürlich nicht zu echtem politischen Handeln) wieder eingesetzt werden können. [S. 727]


Vita activa oder Vom tätigen Leben (1958/60)

Was ich daher im Folgenden vorschlage, ist eine Art Besinnung auf die Bedingungen, unter denen … Menschen gelebt haben, und diese Besinnung ist geleitet … von den Erfahrungen und den Sorgen der gegenwärtigen Situation. [S. 12] …

Durch Descartes’ Philosophie spuken zwei Alpträume der Angst … In dem einen wird die Wirklichkeit der Außenwelt wie des Menschen selbst bezweifelt … Der andere Betriff die menschliche Existenz überhaupt, wie sie sich durch die neuen Entdeckungen und die Tatsache, dass der Mensch weder seinen Sinnen noch seiner Vernunft trauen kann, darbietet. [S. 272] … Die Welt ist vielmehr sowohl ein Gebilde von Menschenhand wie der Inbegriff aller nur zwischen Menschen spielenden Angelegenheiten … In der Welt zusammenleben heißt wesentlich, dass eine Welt von Dingen zwischen denen liegt, deren gemeinsamer Wohnort sie ist …; wie jedes Zwischen verbindet und trennt die Welt diejenigen, denen sie jeweils gemeinsam ist. [S. 52] …

In der modernen Welt haben diese Beraubungen und der ihnen inhärente Realitätsverlust zu jener Verlassenheit geführt, die nachgerade ein Massenphänomen geworden ist, in welchem menschliche Beziehungslosigkeit sich in ihrer extremsten und unmenschlichsten Form äußert. [S. 58] … Das Leben des Einzelnen ist wieder sterblich geworden, so sterblich, wie es im Altertum gewesen ist, aber die Welt, in der sich die Sterblichen nun bewegen, ist nicht nur nicht unvergänglich, sie ist sogar vergänglicher und unzuverlässiger geworden, als sie es je in den Jahrhunderten eines unerschütterten christlichen Glaubens gewesen war. Es ist nicht ein wie immer geartetes Diesseits, das sich dem Menschen bot, als er die Gewissheit des Jenseits verlor, er wurde vielmehr aus der jenseitigen und der diesseitigen Welt auf sich selbst zurückgeworfen. [S. 312]


Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten (1959)

Die Welt liegt zwischen den Menschen, und dies Zwischen – viel mehr als, wie man häufig meint, die Menschen oder gar der Mensch – ist heute Gegenstand der größten Sorge und der offenbarsten Erschütterungen in nahezu allen Ländern der Erde. … Mehr und mehr Menschen in den Ländern der westlichen Welt, die seit der Antike die Freiheit von Politik als eine der Grundfreiheiten begreift, machen von dieser Freiheit Gebrauch und haben sich von der Welt und ihren Verpflichtungen in ihr zurückgezogen. Dieser Rückzug aus der Welt braucht dem Menschen nicht zu schaden, er kann sogar große Begabung bis ins Genialische steigern und so auf Umwegen wieder der Welt zugutekommen. Nur tritt mit einem jeden solchen Rückzug ein beinahe nachweisbarer Weltverlust ein; was verloren geht, ist der spezifische und meist unersetzliche Zwischenraum, der sich gerade zwischen diesem Menschen und seinen Mitmenschen gebildet hätte. [S. 18]


Macht und Gewalt (1970)

Was den Menschen zu einem politischen Wesen macht, ist seine Fähigkeit zu handeln; sie befähigt ihn, sich mit seinesgleichen zusammenzutun, gemeinsame Sache mit ihnen zu machen, sich Ziele zu setzen und Unternehmungen zuzuwenden, die ihm nie in den Sinn hätten kommen können, wäre ihm nicht diese Gabe zuteilgeworden: etwas Neues zu beginnen. Philosophisch gesprochen ist Handeln die Antwort des Menschen auf das Geborenwerden als eine der Grundbedingungen seiner Existenz: Da wir alle durch Geburt, als Neuankömmlinge und als NeuAnfänge auf die Welt kommen, sind wir fähig, etwas Neues zu beginnen; ohne die Tatsache der der Geburt wüssten wir nicht einmal, was das ist, etwas Neues; alle „Aktion“ wäre entweder bloßes Sich-Verhalten oder Bewahren. [S. 81]