Ein kurzer Reader zu John Rawls' "Eine Theorie der Gerechtigkeit"

Meine Vorbereitung zur Veranstaltung Politische Ideengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (Teil 2) für die Volkshochschule Unterland hat mich ebenso nach Readern zu John Rawls' (einführende Artikel auf einem fachlich hohem Niveau finden sich in der Internet Encyclopedia of Philosophie sowie der Stanford Encyclopedia of Philosophy) Eine Theorie der Gerechtigkeit suchen lassen. Hier fand sich zwar, man muss sagen: erstaunlicherweise, mehr (siehe etwa hier) als zu Hannah Arendt, aber auch keine Auswahl wie ich sie mir gewünscht hätte.

Auch hier will ich diese Lücke erneut durch die Bereitstellung meines Materials schließen. Der Reader ist in meiner Version etwa zwei A4-Seiten lang. Er kann also nur einen kurzen Einblick in Eine Theorie der Gerechtigkeit geben. Zudem sei darauf hingewiesen, dass dieser Reader allein für Bildungszwecken gedacht ist und das Urheberrecht zu beachten ist. Es sei zudem darauf hingewiesen, dass Eine Theorie der Gerechtigkeit zwar das einflussreichste Werk Rawls' ist, aber nicht das einzige. In späteren Werken verteidigte er seine Theorie, verschmälerte sie und wandte sie auf die internationale Staatengemeinschaft an.

Auch dieser Reader allein für Bildungszwecken gedacht und es gilt das Urheberrecht zu beachten.

Die Zitate sind der folgenden Ausgaben entnommen, welche die einzige deutsche Übersetzung darstellt:

  • Eine Theorie der Gerechtigkeit, Suhrkamp: Frankfurt a. M. 1979.

Ich habe mir zudem erlaubt die Rechtschreibung der Zitate zu modernisieren, was in den entsprechenden Ausgaben natürlich noch nicht der Fall war. Diese Modernisierungen habe ich, im Gegensatz zu Auslassungen, Ergänzungen oder den Seitenangaben nicht markiert. Ergänzungen und Kommentare habe ich mit eckigen Klammern ergänzt, wogegen ich Auslassungen mit Auslassungspunkten dargestellt habe.


[Rawls' Absicht]

Ich habe versucht die herkömmliche Theorie des Gesellschaftsvertrags von Locke, Rousseau und Kant zu verallgemeinern und auf eine höhere Abstraktionsstufe zu heben. Damit hoffe ich sie den naheliegendsten und oft für entscheidend gehaltenen Einwänden zu entziehen. Darüber hinaus scheint diese Theorie eine systematische Analyse der Gerechtigkeit zu liefern, die, so behaupte ich, der der vorherrschenden utilitaristischen Tradition überlegen ist. Die Theorie trägt stark Kantische Züge, und ich kann für meine Auffassung keinerlei Originalität beanspruchen; die wichtigsten sind klassisch und allgemein bekannt. Meine Absicht war, sie mittels bestimmter Vereinfachungen in ein allgemeines System zu bringen, das erst ihre ganze Tragweite erkennen lässt. Der Zweck meines Buches ist vollständig erreicht, wenn es zu einer klareren Erkenntnis der Hauptstrukturen des Gerechtigkeitsbegriffs im Sinne der Lehre vom Gesellschaftsvertrag führt und Hinweise zu seiner weiteren Ausarbeitung liefert. Von allen tradierten Auffassungen kommt diese meiner Meinung nach unseren wohlüberlegten Gerechtigkeitsurteilen am nächsten und gibt die beste moralische Grundlage für eine demokratische Gesellschaft ab. [S. 12] …

[Bedeutung von Gerechtigkeit]

Die Gerechtigkeit ist die erste Tugend sozialer Institutionen, sowie die Wahrheit bei Gedankensystemen. Eine noch so elegante und mit sparsamen Mitteln arbeitende Theorie muss fallengelassen oder abgeändert werden, wenn sie nicht wahr ist; ebenso müssen noch so gut funktionierende und wohlabgestimmte Gesetze und Institutionen abgeändert oder abgeschafft werden, wenn sie ungerecht sind. Jeder Mensch besitzt eine aus der Gerechtigkeit entspringende Unverletzlichkeit, die auch im Nahem des Wohles der ganzen Gesellschaft nicht aufgehoben werden kann. Daher lässt es die Gerechtigkeit nicht zu, dass der Verlust der Freiheit bei einigen durch ein größeres Wohl für andere wettgemacht wird. [S. 19f] …

[Stabilsierende Funktion von Gerechtigkeit]

Wir wollen nun eine Gesellschaft wohlgeordnet nennen, wenn sie nicht nur auf das Wohl ihrer Mitglieder zugeschnitten ist, sondern auch von einer gemeinsamen Gerechtigkeitsvorstellung wirksam gesteuert wird. Es handelt sich also um eine Gesellschaft, in der (1) jeder die gleichen Gerechtigkeitsgrundsätze anerkennt und weiß, dass das auch die anderen tun, und (2) die grundlegenden gesellschaftlichen Institutionen bekanntermaßen diesen Grundsätzen genügen. [S. 21] … Die besondere Funktion der Gerechtigkeitsvorstellungen ist also die Festlegung von Grundrechten und –pflichten sowie der richtigen Verteilung, und das hängt mit den Problemen der Effizienz, der Koordination und der Stabilität zusammen. [S. 22] … unter sonst gleichen Umständen ist eine Gerechtigkeitsvorstellung besser als eine andere, wenn ihre weitläufigen Folgen besser sind. [S. 23] …

[Zwei Teile der Theorie der Gerechtigkeit]

Die Theorie der Gerechtigkeit lässt sich in zwei Hauptteile zerlegen: (1) die Konkretisierung des Urzustandes mit Angabe der verschiedenen in ihm wählbaren Grundsätze, und (2) eine Argumentation, die zeigt, welche von diesen tatsächlich gewählt würde. [S. 74] …

[Der Urzustand und der Schleier des Nichtwissens]

Die Menschen sollen im voraus entscheiden, wie sie ihre Ansprüche gegeneinander regeln wollen und wie die Gründungsurkunde ihrer Gesellschaft aussehen soll. … Die Entscheidung, die vernünftige Menschen in dieser theoretischen Situation der Freiheit und Gleichheit treffen würden, bestimmen die Grundsätze der Gerechtigkeit. [S. 28] … Dieser Urzustand wird natürlich nicht als wirklicher geschichtlicher Zustand vorgestellt, noch weniger als primitives Stadium der Kultur. Er wird als rein theoretische Situation aufgefasst, die so beschaffen ist, dass sie zu einer bestimmten Gerechtigkeitsvorstellung führt. [S. 28f]

Zu den wesentlichen Eigenschaften dieser Situation gehört, dass niemand seine Stellung in der Gesellschaft kennt, seine Klasse oder sein Status, ebenso wenig sein Los bei der Verteilung natürlicher Gaben wie Intelligenz oder Körperkraft. Ich nehme sogar an, dass die Beteiligten ihre Vorstellung vom Guten und ihre besonderen psychologischen Neigungen nicht kennen. Die Grundsätze der Gerechtigkeit werden hinter einem Schleier des Nichtwissens gelegt.

Dies gewährleistet, dass dabei niemand durch die Zufälligkeiten der Natur oder der gesellschaftlichen Umstände bevorzugt oder benachteiligt wird. Da sich alle in der gleichen Lage befinden und niemand Grundsätze ausdenken kann, die ihn aufgrund seiner besonderen Verhältnisse bevorzugen, sind die Grundsätze der Gerechtigkeit Ergebnis einer fairen Übereinkunft oder Verhandlung. Denn in der Symmetrie aller zwischenmenschlichen Beziehungen ist dieser Urzustand fair gegenüber den moralischen Subjekten, d. h. den vernünftigen Wesen mit eigenen Zielen und – das nehme ich an – der Fähigkeit zu einem Gerechtigkeitsgefühl. Den Urzustand konnte man den angemessenen Ausgangzustand nennen, und damit sind die in ihm getroffenen Grundvereinbarungen fair. Das rechtfertigt die Bezeichnung „Gerechtigkeit als Fairness“: Sie drückt den Gedanken aus aus, dass die Grundsätze der Gerechtigkeit in einer fairen Ausgangssituation festgelegt werden. Sie will nicht besagen, die Begriffe der Gerechtigkeit und der Fairness seien ein und dasselbe, ebenso wenig wie der Ausdruck „Dichtung als Metapher“ sagen will, Dichtung und Metapher seien dasselbe. [S. 29] …

[Grundsätze I]

Ich behaupte, dass die Menschen im Urzustand zwei … Grundsätze wählen würden: einmal die Gleichheit der Grundrechte und –pflichten; und zum anderen den Grundsatz, dass soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten, etwa verschiedener Reichtum oder verschiedene Macht, nur dann gerecht sind, wenn sich aus ihnen Vorteile für jedermann ergeben, insbesondere für die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft. [S. 32] …

[Lexikalische Ordnung]

Nach [der lexikalischen Ordnung] muss der erste Grundsatz erfüllt sein, ehe man sich dem zweiten zuwenden kann, dieser vor dem dritten usw. Ein Grundsatz kommt erst zum Tragen, wenn die ihm vorgeordneten entweder voll erfüllt oder aber nicht anwendbar sind. Eine lexikalische Ordnung macht als eine Gewichtung der Grundsätze überhaupt unnötig; die weiter vorn stehenden haben im Vergleich zu den späteren gewissermaßen absolutes Gewicht und ausnahmslose Geltung. … Als wichtigen Anwendungsfall werde ich in der Tat eine derartige Ordnung vorschlagen, nämlich, dass der Grundsatz der gleichen Freiheit für alle der Reglung wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheiten vorgeordnet sein soll. [S. 62] …

[Grundsätze II]

… 1. Jedermann soll gleiches Recht auf das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten haben, das mit de gleichen System für alle anderen verträglich ist. 2. Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestalten, dass (a) vernünftigerweise zu erwarten ist, dass sie zu jedermanns Vorteil dienen, und (b) sie mit Positionen und Ämtern verbunden sind, die jedem offenstehen. [S. 81] …

Alle sozialen Werte – Freiheit, Chancen, Einkommen, Vermögen und die sozialen Grundlagen der Selbstachtung – sind gleichmäßig zu verteilen, soweit nicht eine ungleiche Verteilung jedermann zum Vorteil gereicht. … Ungleichheiten bestehen demnach einfach in Ungleichheiten, die nicht jedermann Nutzen bringen. [S. 83] …

[Pareto-Optimalität]

Es handelt sich einfach um das der Pareto-Optimalität …, bezogen auf die Grundstruktur. … Das Prinzip erklärt einen Zustand für optimal, wenn man ihn nicht so abändern kann, dass mindestens ein Mensch besser dasteht, ohne das jemand schlechter dasteht. [S. 87f]